| Die
weitere Entwicklung während der Gründerzeit
Die Gründerjahre
bezeichnen im eigentlichen Sinne die Zeit zwischen 1871 und 1873,
als waghalsige Unternehmungen wie Pilze aus dem Boden schossen,
von denen bereits zwei Jahre später die meisten wieder eingingen.
Im Bauwesen und der Architektur wurde der Name jedoch zum Symbol
für eine ganze Entwicklungsepoche, die sich bis zur Jahrhundertwende
hinzog.
Das Gebiet
der Äußeren Neustadt erlebte einen sprunghaften Anstieg der Bautätigkeit.
Grundstücke wurden neu bebaut, vorhandene Gebäude mußten neuen weichen.
Auffälligstes Merkmal der Gründerzeit ist die geschlossene Blockrandbebauung,
die das Viertel von einer Vorstadt zu einem innerstädtischen Wohnquartier
werden ließen (siehe Plan).
Die Straßenquerschnitte wurden breiter angelegt; heute noch sichtbar
an den verspringenden Häuserfluchten in der Sebnitzer Straße und
der Pulsnitzer Straße (siehe
Foto). Die letzten Vorgärten verschwanden, an ihre Stelle wurden
Häuser direkt an die Straße gesetzt, um dahinter Platz zu haben
für noch eine Häuserreihe, die Hofbebauung. Da die sächsische Bauordnung
damals nur freistehende Hinterhäuser (ohne Seitenflügel) zuließ,
blieb der Antonstadt das typische "Mietskasernen"- Milieu,
wie man es aus Berlin kennt, erspart.
Architektonisch
wiesen die ersten Häuser dieser Zeit noch die klassizistische Strenge
auf, mit klar gegliederten Putzfassaden und zurückhaltenden Schmuckornamenten.
Beispiele finden sich in dem Gebiet zwischen Bautzner Straße, Glacisstraße,
Elbufer und Lessingstraße. Das ganze Geviert wurde neu angelegt;
gleichzeitig entstanden mehrere Straßen, so die Tieckstraße, die
Melanchthonstraße sowie die Kurfürstenstraße
(Hoyerswerdaer Straße). Deren nördliche Weiterführung, die Markgrafenstraße
(Rothenburger Straße), entstammt ebenfalls jener Zeit (daß sie dabei
den direkten Anschluß an die Görlitzer Straße etwas verfehlt hat,
mag an der bereits vorhandenen Bebauung gelegen haben, für die Äußere
Neustadt wurde die "schiefe" Kreuzung an der Louisenstraße
dafür zum Markenzeichen). Ein weiterer Straßendurchbruch entstand
mit der Förstereistraße.
Das alte Forsthaus befand sich am nördlichen Ende, noch hinter der
Paulstraße, und verschwand erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Ab
etwa 1890 änderte sich das Aussehen der neuen Häuser. Der Außenputz
wich zugunsten roter oder gelber Klinkerfassaden, das Erdgeschoß
wurde dabei meist in Sandstein ausgebildet. Als oberer Abschluß
wurde das für Dresden typische, aus der Barockzeit stammende Mansarddach
aufgesetzt. Die Gebäude besaßen 3-4 Obergeschosse (einschließlich
der Mansarde); die Eckgebäude wiesen meist ein Stockwerk mehr auf.
Als städtebaulicher Blickfang entstand der Martin-Luther-Platz
mit der Martin-Luther-Kirche (erbaut von 1883-87) in seiner Mitte.
Auch die Bevölkerung
nahm einen sprunghaften Anstieg. Waren es 1860 noch etwa 16.000,
so erreichte die Einwohnerzahl um 1900 bereits 40.000. Gleichzeitig
entstanden mehrere Schulen, die auch heute noch fast alle als solche
genutzt werden. Dazu zählen die II. Katholische Volksschule in der
Jordanstraße (7. Grundschule), die 5. und 15. Volksschule in der
Görlitzer Straße (15. Grund- und Mittelschule), die 13. Volksschule
in der Rothenburger Straße (seit Mitte der 90er Jahre geschlossen),
die 22. und 58. Volksschule in der Louisenstraße (Gymnasium Dreikönigschule),
die 4. Volksschule in der Glacisstraße (heute Musikkonservatorium)
und die Höhere Mädchenschule in der Weintraubenstraße (Gymnasium
Romain Rolland "RoRo"). Das Staatsgymnasium
in der Melanchthonstraße und die 4. Bürgerschule in der Tieckstraße
wurden 1945 zerstört.
Zur Befriedigung
der hygienischen Bedürfnisse entstanden in der Äußeren Neustadt
fünf Badeanstalten: das Margarethenbad auf der Bautzner Straße 75
(seit 1874), das Louisenbad in der Prießnitzstraße 18 (im Anbau
des heutigen Stadtteilhauses, seit 1874), ein Bad in der Kamenzer
Straße 5 (seit 1888), die Volksbäder in der Eberswalder Straße 4
(seit 1887) sowie das 1895 eröffnete Germaniabad in der Louisenstraße,
das heute als Nordbad als einziges noch immer (bzw. wieder) in Betrieb
ist.
Mit der Jahrhundertwende
wurden die Fassaden mit viel Prunk beladen, in der Äußeren Neustadt
vor allem an der Königsbrücker Straße, der Bautzner Straße (siehe
Foto) und am Bischofsweg. Es war die Zeit der zahlreichen Neo-Stile,
Ergebnis einer fruchtlosen Suche nach neuen Ausdrucksformen in der
Architektur. Die einzig (wenn auch nur gestalterisch) kreative Richtung
jener Jahre, der Jugendstil, ist hauptsächlich in der Katharinenstraße
wiederzufinden.
Die Straßenbahn
erschloß außer über die Königsbrücker sowie die Bautzner Straße
das Gebiet der Äußeren Neustadt über eine neu angelegte Strecke
durch die Rothenburger Straße mit einer Schleifenfahrt entlang der
Louisenstraße, Kamenzer Straße, dem Bischofsweg und der Görlitzer
Straße (die Gleistrasse ist im Straßenpflaster noch zu erkennen).
Bald darauf erfolgte die Verlängerung der Strecke über den Bischofsweg
Richtung Hechtviertel.
1914-16
wurde die Feuerwache in der
Louisenstraße erbaut (heute die Hauptfeuerwache Dresdens); entworfen
von dem Architekten Hans Erlwein. Den Ersten Weltkrieg überstand
die Neustadt (wie ganz Dresden) unbeschadet zumindest baulich.
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