1990 wurde zum ersten Mal die "Bunte
Republik Neustadt" ausgerufen. Zu den Besonderheiten des Festes
(es findet noch immer jedes Jahr statt) zählte damals die Ausgabe
von eigenem Geld und die Ansprache des "Monarchen" an
seine Untertanen. Der rege Zuspruch am Neustadtfest zeigte die wachsende
Identifikation der Bewohner mit ihrem Stadtteil. Die Abrißpläne
aus DDR-Zeiten waren vom Tisch, für die Äußere Neustadt eröffneten
sich neue Perspektiven. Die alternative Kunst und Kultur, die bis
dahin eher im Verborgenen agierte, suchte die Öffentlichkeit; in
kurzer Zeit entstanden Galerien, Cafés und Kneipen (zu den ersten
zählte das Café "Bronxx"
in der Alaunstraße 64 - heute ist es bereits wieder verschwunden).
Die Partnerstadt
Hamburg finanzierte kurzfristig ein Sofortprogramm zur Rettung der
Häuser; Dächer wurden abgedichtet und Sicherungsmaßnahmen durchgeführt.
Es erfolgte erstmalig in Dresden die förmliche Festsetzung
eines Sanierungsgebietes. Um die Folgen der Sanierung für die Bewohner
sozial verträglicher zu gestalten, entstand zusätzlich die Sanierungskommission,
ein "Runder Tisch" aus Vertretern der Stadtverwaltung,
der Parteien und der Interessengemeinschaft "Äußere Neustadt".
Die "IG", so ihre Kurzbezeichnung, machte sich zur Aufgabe,
als Sprachrohr der "Kleinen Leute" alle Interessen im
Viertel zu berücksichtigen. Sie erreichte u.a., daß zahlreiche "Schwarzmieter",
die durch den illegalen Bezug von leerstehenden Wohnungen so manches
Haus vor dem weiteren Verfall retteten, durch Mietverträge legalisiert
wurden.
Eine Stadtteilzeitung
erschien, der "Anton". In monatlicher Folge wurde über
die aktuelle Entwicklung in der Neustadt berichtet, über kulturelle
Veranstaltungen und Einzelheiten aus der Geschichte (leider stellte
der "Anton" sein Erscheinen Mitte der neunziger Jahre
wieder ein). Mehrere Kulturvereine gründeten sich, so u.a. der "Reiter(in)"
e.V. mit der heute noch existierenden gleichnamigen Kneipe, oder
das "Projekttheater"
e.V. in der Louisenstraße 47. In den Räumen einer ehemaligen Schlosserei
werden eigene Inszenierungen aufgeführt oder anderen Theatergruppen
Auftrittsmöglichkeiten gegeben.
Während Anfang der neunziger
Jahre in Dresden, wie überall, der Bau von Bürogebäuden massiv einsetzte
(in der Äußeren Neustadt vor allem an der Königsbrücker Straße,
siehe Foto), begann
die Sanierung der vorhandenen Häuser nur schleppend. Rückübertragungsansprüche
verzögerten die geplanten Maßnahmen. Die oftmals fehlenden finanziellen
Mittel konnten die neuen "alten" Eigentümer durch die
Inanspruchnahme staatlicher Fördergelder ausgleichen. Als Bedingung
wurde die Erhöhung des Mietpreises auf ein sozial verträgliches
Maß begrenzt. Auf Grund dieser Maßnahme fand die Verdrängung der
einkommensschwachen Schichten wie von vielen Betroffenen
befürchtet nur in Ausnahmen statt.
Die "bunte" Mischung
der Bevölkerung in der Äußeren Neustadt blieb bis in die Gegenwart
erhalten. Hier wohnen alle nebeneinander: alte Leute, Studenten,
Rechtsanwälte, Alleinstehende und Familien. Den Kindern gilt besonderes
Augenmerk im Viertel. Für sie entstanden neue Spielplätze auf der
Böhmischen Straße, der Sebnitzer Straße und in der Talstraße. Zwischen
der Görlitzer Straße und der Kamenzer Straße befindet sich das "Panama"
der Zoo der Neustadt, mit Pferden, Schafen und Kaninchen.
Als bedeutender Anziehungspunkt im Viertel
wurde Ende 1996 das Nordbad wiedereröffnet. Auch hier verhalf das
Engagement der Bewohner, die mehrfach das Interesse an der Reaktivierung
"ihres" Bades signalisierten, der Entscheidung zum Wiederaufbau.
Das Nordbad es
war seit 1975 geschlossen dient heute wieder als "Badewanne"
für die Neustädter.
Mit der Modernisierung
stieg die Wohnqualität. Verfügten vorher die meisten der Wohnungen
nur über Außen-WC und Ofenheizung, so änderte sich dieser Zustand
durch den Einbau von Bädern und Heizungsanlagen. Mittlerweile ist
über die Hälfte aller Häuser saniert, aus manchen Ruinen entstanden
wieder ansehnliche Schmuckstücke (so die fast schon weggesprengten
Gebäude Sebnitzer Straße 30-34). Die Bewohner der Äußeren Neustadt,
die täglich mit dem Baudreck und lärm konfrontiert sind, werden
diesen Zustand auch in den nächsten Jahren noch ertragen müssen;
ein Ende der Bautätigkeit ist vorläufig nicht abzusehen.
Nach jahrelanger Suche fanden sich auf der
Prießnitzstraße 18 auch geeignete Räumlichkeiten für das "Stadtteilhaus".
1998 zogen die Sanierungskommission und die "IG Äußere Neustadt"
dorthin um; es entstand eine zentraler Anlaufpunkt für die Anwohner.
Im Stadtteilhaus sollen später einmal auch kulturelle Veranstaltungen
stattfinden.